Rückschau: „Draußen.“

Anfang Dezember führte der Darstellen und Gestalten Kurs des 12. Jahrgangs sein Werk „Draußen.“ im Max-Reger-Konservatorium auf. Premiere hatte es bereits im Juni bei den Südthüringischen Schultheatertagen im Staatstheater Meiningen. 

Mit dem Theaterstück „Draußen.“ wagt die 12. Klasse des Evangelischen Gymnasiums Meiningen unter der Leitung von Anja Lenßen eine etwas andere Interpretation und Weiterentwicklung von Wolfgang Borcherts Klassiker „Draußen vor der Tür“. Die Inszenierung überträgt nicht nur Borcherts Motive in einen aktuellen schulischen und gesellschaftlichen Kontext, sondern behandelt auch eigene Themen. Dabei stehen insbesondere Flucht, Kriegserfahrungen und Ausgrenzung im Mittelpunkt.

Da ist Hamoudi, ein Teenager, der mit seiner Familie aus dem Krieg geflüchtet ist. Er versucht zu überleben mit seinem gewalttätigen Vater, wenig Geld und in einem Land, das so anders ist als seine Heimat. Sein Leben ist geprägt von Trauma, familiären Konflikten und Einsamkeit. Diese Last gipfelt in der schockierenden Darstellung eines Albtraums, in dem Hamoudi seinen kleinen Bruder Naël erschlägt. Es ist ein neuralgischer Punkt des Stücks, der psychische Zerrissenheit und die zerstörerischen Folgen von Krieg auch abseits der Kriegsgebiete eindrucksvoll sichtbar macht.

Da ist Jasmin, die ebenfalls Flucht und Ausgrenzung erlebt. Sie ist gerade erst mit ihrer Familie in Deutschland angekommen, alles ist fremd, sie beherrscht die Sprache nicht und ihre Mutter leidet an Depressionen, die sie versucht, vor ihren Kindern zu verbergen. Selbst die freundlichen Versuche einer Mitschülerin und der Klassenlehrerin können nicht heilen, was in Jasmins Innerem durch den Krieg und die Flucht zerbrochen ist.

Und dann ist da noch ein Mädchen, sehr zurückhaltend und unauffällig. Ausgerechnet sie ist es, die Hamoudi an die Hand nimmt, und das obwohl (oder weil?) sie selbst zu kämpfen hat – nicht mit einer Fluchtbiografie, sondern mit Suizidgedanken, die erschreckend klare Züge annehmen.

Auch Borcherts Beckmann tritt auf. Durch seine Szenen werden schmerzliche Parallelen von Gegenwart und Vergangenheit deutlich. Seine Geschichte wird verwoben mit denen der Jugendlichen. Verschiedene Biografien, gleiche Folgen – Trauma, Einsamkeit, Ausgrenzung.

Die Bündelung all dieser Handlungsstränge findet in einer Schulklasse statt, in der die Jugendlichen selbst das Stück „Draußen vor der Tür“ behandeln und szenisch umsetzen. Die Schülerinnen und Schüler verkörpern den kleinen, schwachen Frieden (eine Person) ebenso wie die Übermacht von Tod und Krieg (mehrfach besetzt) eindrücklich durch dieses Ungleichgewicht an Personen – ein sehr klares Bild für die empfundene Machtlosigkeit des Friedens in unserer Welt.

Schauspielerisch überzeugte der Darstellen und Gestalten Kurs vor allem durch starken Ausdruck, das selbst verfasste Stück durch emotionale Tiefe. So fiel es dem Publikum nicht auf, dass fünf verschiedene Rollen krankheitsbedingt umbesetzt werden mussten und auch technisch nur sehr begrenzte Mittel zur Verfügung standen. Diese zwangsläufige Reduktion forderte im positiven Sinne die Vorstellungskraft des Publikums und lenkte die Aufmerksamkeit stärker auf das Spiel der Darstellerinnen und Darsteller.

Insgesamt ist „Draußen“ eine mutige, aktuelle und engagierte Inszenierung, die Borcherts zentrale Themen auf überzeugende Weise in die Gegenwart überträgt. Das Stück hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck und regt zum Nachdenken über Krieg, Flucht und Verantwortung an, sowohl individuell als auch gesellschaftlich.